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Einsturz in Gewitternacht

Einsturz in Gewitternacht

Gelungene Mischung aus Großzügigkeit und Geborgenheit: Das Innere der 1969 neu aufgebauten Retzbacher Wallfahrtskirche.
Gelungene Mischung aus Großzügigkeit und Geborgenheit: Das Innere der 1969 neu aufgebauten Retzbacher Wallfahrtskirche.

Wie so oft ist auch die Entstehung der Kirche „Maria im grünen Tal“ legendenumrankt: Eine davon erzählt, dass sich die Gemahlin des Ritters Bodo von Ravensburg, der an der Ermordung des Würzburger Bischofs Konrad von Querfurt im Jahre 1202 beteiligt war, nach der Freveltat ihres Mannes auf die Flucht begeben musste. In ihrer Not soll sie gelobt haben, dort eine Kapelle zu bauen, wo sie endlich ruhen könne. Eine andere Legende berichtet von den Herren von Thüngen, die auf der Jagd einem Hasen in einer Erdhöhle nachgespürt und dabei auf die Marienstatue gestoßen sein sollen; beim Graben soll dem Bildnis versehentlich eine Schramme im Gesicht zugefügt worden sein. Schön und geheimnisvoll klingt diese Geschichte allemal, vermag sie doch sogar die bis heute sichtbare Beschädigung im Gesicht der Figur zu erklären... historisch belegt ist sie jedoch nicht. Eine dritte Legende erzählt schließlich von den beiden Bildhauern Mainhard und Ulrich, die im Wettstreit eine Statue für die Ritter von Thüngen anfertigen sollten. Während Mainhard ein griechisches Götterbildnis wählte, schuf Ulrich eine Madonna mit Kind. Die Götterstatue erhielt den Vorzug, Ulrich aber vergrub sein Bildnis im Wald und verschwand.

Die Wallfahrtskirche 'Maria im Grünen Tal' in Retzbach.
Die Wallfahrtskirche "Maria im Grünen Tal" in Retzbach.
Doch nun zurück auf geschichtlichen Boden: Sicher ist nur, dass um 1200 eine romanische Kapelle an der Stelle der heutigen Kirche stand; dies haben Grabungen in jüngerer Zeit ergeben. Erste Ablässe datieren laut einem Wallfahrtsbüchlein aus den Jahren 1229 und 1270, was belegt, dass die Wallfahrt nach Retzbach bereits im 13. Jahrhundert existiert haben muss. Ziel der Pilger war und ist bis heute das 1,30 Meter große Gnadenbild – eine lächelnde Muttergottes mit Kind aus Buntsandstein, die aus der Zeit um 1300 stammt. In die Rückseite der Figur war ein Stein eingelassen, in dem sich ein Stück Tuch aus dem Orient sowie einige Knochensplitter und Erde befanden. Es handelt sich hierbei vermutlich um Berührungsreliquien aus Palästina, die das Bildnis als Stück Heiliges Land deuten sollten und so die Bedeutung des Ortes zusätzlich unterstreichen.

Im 14. Jahrhundert entstand ein gotischer Bau, der jetzt den Ostchor der heutigen Kirche bildet. Zu dieser Zeit, nämlich im Jahr 1336, übernahmen auch die Benediktiner aus Neustadt/Main die Betreuung von Pfarrei und Wallfahrt, die sich im stetigen Aufblühen befand. So wurde im 15. Jahrhundert die Günterslebener Bruderschaft „Mariä Geburt“ nach Retzbach verlegt, und verschiedene Bruderschaftsbücher belegen die bistumsweite Verbreitung. Um 1600 konnte die kleine Kapelle die Pilgerströme nicht mehr aufnehmen, so dass man ab 1622 ein Langhaus anfügte. Das alte gotische Portal wurde in die Westfassade integriert, später kamen zwei barocke Treppentürme mit Zwiebelkuppeln hinzu. Ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammen die beiden Pfeiler vor der Kirche mit den Figuren Christi und der Mutter Maria. Auf Wunsch der Fürstbischöfe beteiligten sich zudem die Würzburger Jesuiten an der seelsorglichen Betreuung der Wallfahrer. Mit der Säkularisation 1803 kam auch für die Retzbacher Wallfahrt ein abruptes Ende, der Ort geriet in Vergessenheit. Den Bemühungen von Pfarrer Hermann Josef Klug ist das Wiederaufleben der Wallfahrt in den 1930er Jahren zu verdanken.

1968 war das Dach des Langhauses so baufällig geworden, dass die Kirche gesperrt werden musste. In einer Gewitternacht im Juni 1968 stürzte schließlich das Dach der Kirche ein. Was anfänglich wie eine Katastrophe aussah, wurde letztlich zum Auslöser für das Wiederaufleben der Retzbacher Wallfahrtstradition, die heute zu den lebendigsten im ganzen Bistum gehört: Zunächst wurde die Wallfahrtskirche unter Beibehaltung von Westfassade und Chor nach Plänen des Würzburger Dombaumeisters Hans Schädel in doppelter Größe wiederaufgebaut. Dann rückte das alte Gnadenbild ins Herzstück der Kirche, in den gotischen Chor, und wurde auf einer fünf Meter hohen Bronzestele des Würzburger Bildhauers Otto Sonnleitner platziert. Am 13. September 1969 weihte Bischof Dr. Josef Stangl die Kirche auf den Namen „Maria im grünen Tal – Gebetsort für die Einheit der Christen“. Damit erhielt sie ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils eine ökumenische Ausrichtung, die sich bis heute in regelmäßigen ökumenischen Gottesdiensten manifestiert.

Anja Legge